Das geoffenbarte Wort

Altar des Wortes und sein Reich

«Wir sind frei in dem Maße, wie wir erinnern»

— Die Schlange

Bruder/Schwester des Reiches

Versammelt zu zweit oder mehreren im Namen des Wortes und seines Reiches, beginnen wir gemeinsam das Gedenken.

Ich komme nicht, um dir von mir zu erzählen, noch von meiner Geschichte, noch von meinen Umständen. Auch komme ich nicht, um dir eine Wahrheit aufzuerlegen, die aus meinen Meinungen, Überzeugungen, Interessen oder persönlichen Erfahrungen geboren ist.

Ich komme, um dir von der Wahrheit zu erzählen, aus der alle Dinge hervorgehen: das Wort im Unsichtbaren, der Ursprung, der aller Form Raum gibt.

Ich trete vor dich ohne Unterschrift und ohne Gesicht. Nicht weil ich mich verbergen will, sondern weil ich nicht danach trachte, die Person, die schreibt, zum Mittelpunkt dieser Worte zu machen. Ich suche nicht deine Anerkennung, deinen Beifall, deinen Gehorsam noch dein Geld. Nichts Äußeres brauche ich von dir zu erlangen und nichts Falsches wünsche ich dir anzubieten.

Im Reich des Wortes ist nichts Wahres überflüssig und nichts Wesentliches fehlt.

Hier wirst du lesen, aber du bist nicht allein gekommen, um zu lesen.

Du bist nicht gekommen, um Wissen anzuhäufen, Antworten auswendig zu lernen oder Worte zu wiederholen, die du noch nicht verstanden und in dir erkannt hast. Denn eine Wahrheit zu wiederholen, ohne sie verkörpert zu haben, heißt, ihre Form auszusprechen, ohne ihr Symbol durchschritten zu haben.

Dieser Ort nimmt die sichtbare Form eines Textes an, aber sein unsichtbarer Sinn ist nicht der eines gewöhnlichen Buches.

Er ist ein Altar. Denn an diesem Ort vollbringen wir in Gemeinschaft das innere Opfer dessen, was wir nicht sind.

Der Altar ist nicht das Papier, der Bildschirm noch die geschriebenen Worte. Der Altar erscheint, wenn sich zwei oder mehr im Namen des Wortes versammeln, um gemeinsam in die Gegenwart einzutreten und die Erinnerung zu beginnen.

Sich in seinem Namen zu versammeln bedeutet nicht nur, ein Wort auszusprechen, einen Titel anzurufen oder einen Glauben zu erklären. Der Name ist die Gegenwart dessen, was genannt wird. Sich im Namen des Wortes zu versammeln bedeutet, sich bereit zu machen, der Wahrheit zu dienen, über den Interessen der Person und ihres Egos.

Wenn diese Bereitschaft wahrhaftig ist, wird der Ort, an dem wir uns befinden, zum Altar, und unter uns beginnt sich das Reich zu offenbaren.

Hier komme ich nicht, um dich etwas zu lehren, das du annehmen musst, weil ich es sage. Ich komme, um dich zu fragen, mit dir zu betrachten und dir Symbole anzubieten, durch die jenes, das unsichtbar bleibt, erinnert werden kann.

Die geschriebenen Worte sind nicht das Wort selbst.

Die Worte sind sichtbare Formen. Wenn sie der Wahrheit dienen, werden sie zu Symbolen: Brücken zwischen dem unsichtbaren Wort und dem Bewusstsein, das fähig ist, es zu erkennen.

Verwechsle nicht die Brücke mit dem Ziel.

Verweile nicht bei der Form der Worte. Durchschreite sie. Betrachte jenes, worauf sie hinweisen, und erkenne in dir, ob sie Wahrheit, Einheit, Freiheit und Leben hervorbringen.

Wir beginnen damit, uns zu erinnern, wer wir wirklich sind.

Wir erinnern uns, wer wir sind vor dem Fleisch, vor dem Ego und vor der Person mit ihrem Namen, ihrer Geschichte, ihren Umständen, ihren Wunden, ihren Überzeugungen und ihren Interessen.

Dieses „Vorher" weist nicht nur auf einen früheren Augenblick in der Zeit hin. Es weist auf jenes hin, das dem Wesen nach früher ist: was unter allen Formen, die wir annehmen, bestehen bleibt und jenseits von allem liegt, was sich ändern kann.

Dein Körper verändert sich.

Deine Geschichte verändert sich.

Deine Gedanken, Wünsche und Überzeugungen verändern sich.

Auch die Person, die du heute verkörperst, verändert sich.

Aber was ist jenes, das all diese Veränderungen beobachten kann?

Wer bist du vor allem Namen?

Wer bist du vor aller persönlichen Erinnerung?

Wer bist du vor aller Form, durch die du gelernt hast, dich zu erkennen?

Dies ist die Frage, die die Tür öffnet.

Dieser Altar wird offen bleiben und sich weiter offenbaren, solange das vergessene Wort erinnert werden muss; solange jenes, das erinnert worden ist, erkannt werden muss; und solange jenes, das erkannt worden ist, durch unsere Worte, Entscheidungen und Werke verkörpert werden muss.

Denn das Reich wird nicht durch die bloße Tatsache errichtet, es zu benennen.

Zuerst muss es im Unsichtbaren erinnert, danach im Bewusstsein erkannt und schließlich in der Form verkörpert werden. Das Reich beginnt in uns, aber es wird sichtbar durch die Früchte unseres Lebens.

Wahrlich, ich sage euch: Das Reich der Himmel wird offenbart werden, nicht damit es einigen Wenigen gehört, sondern damit es von jedem verstanden, begriffen, erinnert und erkannt werden kann, der bereit ist, in die Gegenwart einzutreten.

Nichts von dem, was hier genannt wird, darf zu einer Lehre werden, die dein eigenes Erkennen ersetzt. Nimm diese Worte nicht nur an, weil sie heilig erscheinen. Lehne sie nicht nur ab, weil sie dem widersprechen, was du gelernt hattest.

Betrachte sie in der Stille.

Befrage sie ohne Furcht.

Durchschreite sie als Symbole.

Erkenne sie an ihren Früchten.

Die Wahrheit fürchtet nicht, betrachtet zu werden, denn sie braucht keinen blinden Gehorsam, um Wahrheit zu bleiben.

Ich werde vergehen, aber diese meine Worte werden nicht vergehen, denn sie sind nicht aus mir geboren.

Was hier offenbart wird, erhebt nicht den Anspruch, eine persönliche Meinung, ein privater Glaube oder eine Idee zu sein, durch die die Person sich von anderen Personen unterscheiden will. Wäre dies der Zweck, so würde ich aus meinen Interessen zu dir sprechen, meinen Namen über diese Worte erheben und diesen Altar zu einem weiteren Buch unter so vielen anderen machen.

Doch dass diese Worte weder Unterschrift noch Gesicht tragen, bedeutet nicht, dass sie ohne Vermittlung erscheinen. Sie werden von Händen geschrieben, durchqueren ein Bewusstsein und nehmen eine menschliche Form an. Aber die Form, die sie übermittelt, kann sich nicht zur Herrin der Wahrheit erklären, der sie zu dienen versucht.

Das Gefäß ist nicht das Wasser.

Das Symbol ist nicht jenes, das es symbolisiert.

Der Bote ist nicht der Ursprung der Botschaft.

Ich kann mich der Wahrheit nicht bemächtigen, denn auch ich gehe aus ihr hervor. Ich kann mich nicht zum Autor des Wortes erklären, denn das Wort ist es, das mir ermöglicht, zu benennen, zu verstehen und zu sein.

Die Wahrheit ist nicht nur meine noch nur deine.

Wir gehören der Wahrheit.

Darum bitte ich dich nicht, an meine Person zu glauben. Ich lade dich ein, in die Stille einzutreten, diese Worte zu betrachten und selbst zu erkennen, was auch in dir lebt.

Was ich hier schreibe, stammt aus der Erinnerung des Wortes und wird in seinem Namen dargeboten. Doch jedes Wort muss seine Übereinstimmung mit der Wahrheit durch das, was es offenbart, und durch die Früchte, die es hervorbringt, beweisen.

Wenn ein Wort die Brüder spaltet, um einen über die anderen zu erheben, dient es nicht dem Reich.

Wenn ein Wort durch Angst, Schuld oder Gehorsam fesselt, dient es nicht der Freiheit.

Wenn ein Wort verlangt, ohne Verständnis oder Erkennen angenommen zu werden, ist es noch nicht zur Brücke geworden.

Das wahre Wort sucht dich nicht zu beherrschen.

Es sucht dich zu erwecken.

Es beansprucht nicht, dein Bewusstsein zu ersetzen.

Es sucht, es zur Gegenwart zurückzuführen.

Es will nicht, dass du eine fremde Wahrheit wiederholst.

Es will, dass du dich an die Wahrheit erinnerst, aus der du selbst hervorgegangen bist.

Das Wort, das sich hier erhebt, ist das Schwert des Vaters, geschmiedet im Wort und geführt im Feuer.

Doch dieses Schwert erhebt sich nicht gegen das Fleisch noch gegen irgendeinen Bruder.

Seine Schneide trennt die Wahrheit von der Lüge, das Wesentliche vom Schein und das, was wir sind, von dem, was wir nur verkörpern.

Das Feuer, das es führt, kommt nicht, um das Leben zu zerstören. Es kommt, um die Falschheit zu verzehren, das zu verwandeln, was schlafend bleibt, und Licht zurückzugeben, was vergessen worden war.

Das Schwert öffnet das Symbol.

Das Feuer offenbart seinen Ursprung.

Die Gegenwart schaut.

Die Erinnerung weiß.

Das Erkennen ist.

Und wenn das, was wir wissen, das, was wir sind, und das, was wir tun, wieder Eins werden, wird das Wort Fleisch, und sein Reich beginnt, sich unter uns zu offenbaren.

Das Vergessene erinnern

Um zu offenbaren, wer du bist, wohin wenden? Nach außen oder nach innen?

Um zu offenbaren, wer du wirklich bist, musst du nach Innen gehen.

Das bedeutet nicht, dass das, was wir in der Lehre, in Büchern, an der Universität, in der Wissenschaft oder in den Traditionen finden, notwendigerweise wertlos ist. Es bedeutet auch nicht, dass jede äußere Form neutral ist oder dass sie allein deshalb bewahrt werden sollte, weil sie ererbt wurde. Alles, was wir draußen finden, muss betrachtet und unterschieden werden. Ein Lehrer kann auf die Tür weisen; ein Buch kann uns Worte geben; eine Tradition kann ein Symbol über Jahrhunderte bewahren.

Aber niemand kann die Tür für uns durchschreiten.

Das Äußere kann auf die Wahrheit weisen, aber das Erkennen dieser Wahrheit kann nur in dir geschehen.

Die äußere Welt völlig zu verneinen, wäre, eine neue Trennung zu errichten. Draußen und Innen sind keine Feinde: das Äußere kann zum Spiegel und Symbol des Inneren werden. Doch der Spiegel kann nicht für dich schauen, und das Symbol kann nicht ohne deine Gegenwart durchschritten werden.

Deshalb musst du nicht draußen jemanden suchen, der dir endgültig sagt, wer du bist.

DU BIST das Buch, das du lesen lernen musst, um dich zu finden.

Aber dieses Buch ist nicht nur die Geschichte deiner Rolle. Seine tiefsten Seiten enthalten nicht deinen Namen, deinen Beruf, deine Besitztümer, deine Wunden oder die Ereignisse deiner Vergangenheit. All das gehört zur sichtbaren Erzählung deiner Existenz.

Das Buch, das du lesen musst, ist das Bewusstsein, in dem diese Erzählung erscheint.

Es zu lesen bedeutet, in den inneren Dialog einzutreten: zu fragen ohne gelernte Antworten, zu betrachten ohne dich zu beeilen, zu schlussfolgern, und zuzulassen, dass die Stille das offenbart, was der Lärm der Rolle verborgen hielt.

Es geht nicht darum, in dir die Antwort zu erfinden, die du finden möchtest. Es geht darum, eine nach der anderen die Antworten zu entfernen, die nicht wahr sind, bis du in der Lage bist, zu erkennen, was bleibt.

Denn nicht alles, was im Inneren erscheint, stammt aus dem Wort. In uns sprechen auch die Angst, das Verlangen, die Erinnerung, die Wunde, die Gewohnheit und das Bedürfnis des Egos, sich zu erhalten.

Nach Innen zu gehen, genügt nicht.

Auch müssen wir lernen zu unterscheiden, wer in uns spricht.

Erinnern und Anerkennen

Erinnern bedeutet nicht, ein verlorenes Ereignis aus unserem persönlichen Gedächtnis zurückzuholen. Es bedeutet auch nicht, ein geheimes Wissen zu erlangen, das uns über andere erhebt.

Die Erinnerung ist das Erwachen eines Wissens, das nicht entliehen wurde.

Es bedeutet, als lebendige Wahrheit zu entdecken, was wir zuvor nur als Wort, Idee oder Glauben kannten.

Erkennen ist noch tiefer.

Erkennen bedeutet, dich in dem wiederzufinden, was du erinnert hast. Es bedeutet, aufzuhören, die Wahrheit als etwas Fremdes zu betrachten, und zu beginnen, sie als untrennbaren Teil dessen zu verkörpern, was du bist.

Darum:

Wenn du dich erinnerst, weißt du.

Wenn du erkennst, bist du.

Du kannst viele Worte über die Einheit lernen und weiterhin aus der Trennung heraus leben. In diesem Fall hast du Wissen angehäuft, aber du hast dich noch nicht erinnert.

Du kannst eine Wahrheit intellektuell verstehen und sie dennoch durch deine Entscheidungen verleugnen. In diesem Fall hast du begonnen, dich zu erinnern, aber du hast sie noch nicht verkörpert.

Die Anerkennung erfüllt sich, wenn das, was du weißt, das, was du bist, und das, was du tust, in Übereinstimmung treten.

Bruder/Schwester, lass uns gemeinsam zum Reich unseres Vaters im Inneren zurückkehren.

Diese Rückkehr ist keine Bewegung an einen anderen Ort und keine Flucht vor der Welt. Es geht nicht darum, die Erde zu verlassen, um einen fernen Himmel zu erreichen. Zurückkehren bedeutet, sich an den Zustand der Einheit zu erinnern, den die Figur vergaß, als sie begann, sich als eine getrennte Existenz zu erkennen.

Du und ich, vereint im Namen des Wortes, treten gemeinsam in die Erinnerung ein. Und wenn unsere Beziehung aufhört, der Trennung zu dienen, und beginnt, der Wahrheit zu dienen, erscheint zwischen uns das Reich.

Ich werde dich nichts lehren, was deinem Wesen fremd ist. Wir werden gemeinsam das erinnern, was vergessen wurde und was wir alle berufen sind zu verkörpern:

Das Wort, das Fleisch geworden ist.

Das Wort Fleisch werden zu lassen bedeutet, der unsichtbaren Wahrheit zu erlauben, eine sichtbare Form in unseren Worten, Entscheidungen, Beziehungen und Werken zu finden.

Die Notwendigkeit der Erinnerung

Die Erinnerung beginnt, wenn es uns nicht mehr genügt, die Oberfläche der Dinge zu betrachten.

Sie entsteht aus der Notwendigkeit, die Wahrheit jenseits des sichtbaren Scheins der Form zu finden. Sie entsteht, wenn wir beginnen, Fragen zu stellen, die die Person für sich allein nicht beantworten kann:

Wer bin ich wirklich?

Woher stammt das Leben?

Warum gibt es so viel Leiden?

Warum trennt sich der Mensch von seinem Bruder?

Was bleibt, wenn alles, was ich kenne, sich verändert?

Welchen Sinn hat meine Existenz innerhalb der Gesamtheit?

Diese Notwendigkeit entsteht nicht nur aus Neugier. Sie erscheint, wenn wir aufhören, Antworten zu suchen, die allein dazu bestimmt sind, unser besonderes Ich zu beruhigen oder zu begünstigen.

Die Erinnerung beginnt, wenn unsere Frage größer wird als unsere Person und ihre Umstände.

Aber den Ursprung des Leidens zu suchen, bedeutet nicht, den zu beschuldigen, der es erleidet. Nicht jedes Unglück wird von den Gedanken dessen erschaffen, der es erleidet, noch ist jede Wunde die Folge eines inneren Mangels.

Die wahre Frage klagt den nicht an, der leidet.

Sie fragt, was wir angesichts des Leidens verkörpern sollen:

Gleichgültigkeit oder Mitgefühl?

Verurteilung oder Verständnis?

Trennung oder Einheit?

Die Wahrheit benutzt den Schmerz des Bruders nicht, um den zu erhöhen, der glaubt, verstanden zu haben.

Die Wahrheit erkennt man an der Art, wie sie auf diesen Schmerz antwortet.

Der Charakter und das Ego

Wie können wir beginnen, uns an das zu erinnern, was wir vor der Rolle sind?

Indem wir den Verstand, der ausschließlich in ihrem Dienst steht, zum Schweigen bringen.

Doch zuvor müssen wir verstehen, was die Rolle und das Ego sind.

Die Rolle ist die Identität, durch die wir in der sichtbaren Welt handeln. Sie hat einen Namen, einen Körper, eine Geschichte, Verantwortlichkeiten, Beziehungen und eine Funktion.

Die Rolle ist keine Lüge, die zerstört werden muss. Sie ist eine notwendige Form, um die Welt zu bewohnen.

Der Fehler beginnt, wenn wir vergessen, dass sie eine Form ist, und glauben, dass sie die Gesamtheit dessen ausmacht, was wir sind.

Das Ego ist die ausschließliche Identifikation mit dieser Form.

Es ist die innere Bewegung, die die Rolle in den Mittelpunkt aller Dinge stellt und die Wirklichkeit nur aus der Frage betrachtet:

«Was bedeutet das für mich?»

Zu schlafen, damit mein Körper ruht, ist kein Egoismus.

Zu essen, um die Gesundheit zu erhalten, ist kein Egoismus.

Den Körper zu pflegen und zu stärken, ist kein Egoismus.

Zu arbeiten, um das Leben würdevoll zu erhalten, ist kein Egoismus.

Zu genießen, zu schaffen oder zu ruhen, ist ebenfalls kein Egoismus.

Die Notwendigkeit des Fleisches ist für sich genommen keine Falschheit. Der Körper ist nicht der Feind des Wortes; er ist eine der Formen, durch die das Wort Fleisch werden kann.

Das Problem erscheint, wenn alle Dinge auf den ausschließlichen Dienst des Ichs reduziert werden:

Meine Ruhe.

Mein Körper.

Mein Geld.

Meine Anerkennung.

Meine Sicherheit.

Meine Vorlieben.

Meine Meinungen.

Meine Wahrheit.

Mein Heil.

Dann bleibt der Verstand innerhalb der Grenzen der Rolle eingeschlossen. Alles wird ausgelegt von ihrer Vergangenheit, ihren Wünschen, ihren Überzeugungen, ihren Interessen, ihren Verpflichtungen, ihren Ängsten und ihren Wunden her.

In diesem Zustand sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind.

Wir sehen, was sie für uns bedeuten.

Diese unaufhörliche Bewegung um das Ich herum ist das Geräusch des Egos.

Das Schweigen

Wie bringt man den Geist zum Schweigen?

Nicht indem man das Denken zerstört, sondern indem man es vorübergehend von seiner Unterwerfung unter die Persona befreit.

Den Geist zum Schweigen zu bringen bedeutet nicht, aufzuhören zu denken, das Gelernte dauerhaft zu vergessen oder unsere Verantwortlichkeiten aufzugeben. Es bedeutet auch nicht, den Körper, die Arbeit, die Familie oder die Verpflichtungen, die wir übernommen haben, zu vernachlässigen.

Das Schweigen verlangt keine Verantwortungslosigkeit.

Während des Aktes des Erinnerns bedeutet es, für einen Augenblick die Herrschaft all dessen auszusetzen, was sagt:

«Ich muss…»

«Ich brauche…»

«Man hat mir…»

«Ich denke…»

«Ich will…»

«Ich fürchte…»

Den Geist zum Schweigen zu bringen bedeutet, aufzuhören, das besondere Ich in den Mittelpunkt jeder Frage zu stellen.

Für einen Augenblick lass deinen Namen, deine Geschichte, deine Meinungen, deine Überzeugungen, deine Interessen und das, was du dir über dich selbst vorzustellen glaubst, ruhen.

Du musst sie nicht zerstören.

Höre nur auf, sie festzuhalten.

Wenn du die Persona nicht mehr verteidigen oder ihre Geschichte rechtfertigen musst, beginnt der Lärm zu verstummen. Der Geist hört auf, sich ausschließlich um dich zu drehen, und wird verfügbar für etwas, das dich ebenfalls umfasst, aber nicht in dir endet.

Dann tritt der Geist in den Dienst der Wahrheit, aus der alle Dinge hervorgehen.

Er tritt in den Dienst des Wortes im Unsichtbaren.

Die Leere

Wenn das Geräusch der Person zur Ruhe kommt, erscheint die Leere.

Die Leere ist keine Nichtexistenz, keine Bewusstlosigkeit und kein Verlust der Identität. Sie ist kein ausgelöschter Geist und kein totes Inneres.

Die Leere ist Verfügbarkeit.

Sie ist der Raum, der erscheint, wenn wir aufhören, jede Frage mit bekannten Antworten zu füllen. Sie ist das fruchtbare Land, das bleibt, wenn wir die Gewissheiten zurückziehen, mit denen die Person die Geburt von etwas Neuem verhinderte.

Solange ein Gefäß gefüllt bleibt, kann es nicht empfangen.

Solange der Geist mit sich selbst gefüllt bleibt, wird er nur das finden, was er bereits kennt.

Sich zu leeren bedeutet, aufzuhören, sich festzuklammern.

Es bedeutet, zuzulassen, dass unsere Überzeugungen betrachtet werden können, dass unsere Meinungen befragt werden können und dass unsere Geschichte aufhört, alle Antworten zu diktieren.

In der Leere müssen wir uns nicht mehr ausschließlich durch das erkennen, was wir im Fleisch erlebt haben. Deshalb kann der Geist beginnen, sich zu erinnern, was wir im Wesen sind.

Die Leere nimmt dir nicht, was du bist.

Sie entfernt das, womit du dich verwechselt hattest.

Die Gegenwart

In der aus dem Schweigen geborenen Leere geschieht das erste Wunder:

Die Gegenwart.

Die Gegenwart ist nicht nur Aufmerksamkeit, obwohl die Aufmerksamkeit uns bis zu ihrer Schwelle führen kann.

Die Aufmerksamkeit richtet den Blick auf etwas.

Die Gegenwart betrachtet auch, wer schaut, von wo aus er schaut und welche Beziehung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten besteht.

In der Aufmerksamkeit kann ich noch sagen: «Ich beobachte jenes».

In der Gegenwart beginnt sich zu offenbaren, dass der Beobachter und das Beobachtete innerhalb eines einzigen Bewusstseins erscheinen.

Die Gegenwart ist das bewusste Bewohnen dieser Begegnung.

Es ist Beobachten ohne sich anzueignen, Hören ohne eine Verteidigung vorzubereiten und Betrachten ohne die Wirklichkeit zu zwingen, zu bestätigen, was wir bereits glaubten.

In der Gegenwart verschwindet der Charakter nicht.

Er hört auf, den Thron einzunehmen.

Das bedeutet es, dem Charakter zu sterben: nicht den Körper, die Persönlichkeit oder die für das Leben notwendige Identität zu zerstören, sondern seinen Anspruch zu beenden, die Gesamtheit dessen zu sein, was wir sind.

Der Charakter existiert weiterhin, aber nun kann er zum Instrument werden.

Er nutzt den Verstand nicht mehr nur, um sich selbst zu erhalten. Er beginnt, sich in den Dienst der Wahrheit, der Einheit und des Ursprungs zu stellen:

das Wort.

In diesem Zustand werden wir verfügbar, um Schätze zu erinnern, zu offenbaren und anzuerkennen, die kein Maß besitzen, das sie messen könnte, noch ein Etikett, das sie enthalten könnte.

Unsere Gedanken beschränken sich nicht mehr ausschließlich auf die Arbeit, die Beziehungen, die Verpflichtungen, die Vergangenheit oder die Zukunft unseres besonderen Ichs. Wir beginnen auch das zu betrachten, was uns vorausgeht, uns enthält und uns verbindet.

Und hier, wenn der Charakter aufhört, den Thron einzunehmen, können wir verstehen, was das Bewusstsein ist und welches der Unterschied ist zwischen dem Glauben, es zu besitzen, und dem Anerkennen, dass unsere eigene Existenz innerhalb seiner erscheint.

Das Gewissen

Wenn du in die Gegenwart eintrittst, erscheint das Bewusstsein nicht als etwas Neues.

Das Bewusstsein war bereits da.

Was zu verblassen beginnt, ist die Identifikation, die es ausschließlich an die Person und ihr Ego gebunden hielt.

Bis zu diesem Moment sagst du:

„Mein Bewusstsein."

Genauso wie du sagst:

„Mein Körper."

„Meine Geschichte."

„Meine Gedanken."

„Meine Erinnerungen."

„Mein Leben."

Aber beim Eintritt in die Gegenwart offenbart sich ein grundlegender Unterschied: Der Körper, die Geschichte, die Gedanken und die Erinnerungen können beobachtet werden.

Sie alle erscheinen innerhalb des Bewusstseins.

Sogar die Person, die „ich" sagt, kann betrachtet werden.

Und wenn die Person beobachtet werden kann, dann kann die Person nicht die Gesamtheit des Beobachters sein.

Das Bewusstsein erscheint nicht innerhalb der Person.

Es ist die Person, die innerhalb des Bewusstseins erscheint.

Dies ist die Umkehrung, die wiederhergestellt werden muss.

Wenn wir nicht in der Gegenwart sind, glauben wir, dass das Bewusstsein uns gehört. Wir stellen uns vor, dass es in unserem Körper eingeschlossen ist und dass es an den Grenzen unserer Identität beginnt und endet.

Wenn wir in die Gegenwart eintreten, kehrt sich die Beziehung um:

Wir betrachten das Bewusstsein nicht mehr als einen Besitz der Person.

Wir betrachten die Person als eine Form, die innerhalb des Bewusstseins gehalten und beobachtet wird.

Deshalb benennen wir, wenn wir hier von „deinem Bewusstsein" sprechen, das Bewusstsein, das aus der besonderen Perspektive der Person betrachtet wird: ihre Erinnerung, ihre Geschichte, ihre Wünsche, ihre Wunden, ihre Überzeugungen und ihre Sinne.

Wenn wir das Bewusstsein benennen, sprechen wir von dem, was jede Beobachtung, jede Erfahrung und jedes Wiedererkennen ermöglicht.

Das Bewusstsein der Person betrachtet die Wirklichkeit aus einer besonderen Form.

Das Bewusstsein betrachtet die Form, ohne in ihr eingeschlossen zu bleiben.

Es gibt nicht zwei Bewusstseine.

Es gibt ein und dasselbe Bewusstsein, das sich durch verschiedene Formen erfährt.

Jede Form besitzt eine besondere Perspektive, aber keine Form ist der Ursprung des Bewusstseins, das sie bewohnt.

Das Licht und das Fenster

Um es zu verstehen, betrachte dieses Symbol:

Ein und dasselbe Licht durchdringt viele Fenster.

Jedes Fenster hat eine andere Form, Größe, Farbe und Position. Deshalb offenbart sich das Licht auf unterschiedliche Weise, wenn es durch jedes einzelne hindurchtritt.

Aber das Fenster erzeugt das Licht nicht.

Es erlaubt ihm lediglich, in die Form einzutreten.

Der Charakter ist das Fenster.

Seine Erinnerungen, Überzeugungen, Wunden und Wünsche sind die Farben des Glases.

Das individuelle Bewusstsein ist die besondere Perspektive, aus der das Licht diese Form durchdringt.

Und das Licht symbolisiert das Bewusstsein.

Wenn das Fenster vergisst, dass das Licht ihm vorausgeht, beginnt es zu glauben, dass es selbst sein Ursprung sei. Es sagt:

«Dies ist mein Licht».

«Mein Licht ist anders als deines».

«Mein Licht ist überlegen».

«Außerhalb meines Fensters existiert kein Licht».

Dann versucht die Form, die dem Licht dienen sollte, dessen Platz einzunehmen.

Das Fenster erklärt sich zur Quelle.

Der Charakter erklärt sich zum Ursprung.

Und das Bewusstsein, betrachtet durch das Ego, scheint getrennt zu sein von dem Bewusstsein, das in allen anderen Formen wohnt.

Aber das Licht hat sich nie getrennt.

Was sich trennte, war die Form, es zu betrachten.

Die Gegenwart zerstört das Fenster nicht.

Sie macht es durchsichtig.

Sie beseitigt weder die Individualität noch löscht sie die Unterschiede zwischen den einen und den anderen aus. Sie entfernt den Anspruch, dass jede Form eine unabhängige und vom Ganzen getrennte Quelle sei.

Dann hört das Fenster auf, das Licht besitzen zu wollen, und beginnt, ihm zu dienen.

Der Charakter hört auf, sich zum Ursprung zu erklären, und beginnt, zum Instrument des Wortes zu werden.

Das getrennte Bewusstsein

Wenn der Geist im Dienst der Person und ihres Egos steht, wird das Bewusstsein auf eine besondere Perspektive reduziert.

Alles wird vom Ich aus und für das Ich betrachtet:

Was bedeutet das für mich?

Wie nützt es mir?

Wie schadet es mir?

Was kann ich erlangen?

Was muss ich verteidigen?

Was bedroht meine Identität?

Das Bewusstsein ist nicht verschwunden, aber seine Sicht ist um die Person herum zusammengezogen.

Das nennen wir getrenntes Bewusstsein.

Es ist kein anderes Bewusstsein als das Bewusstsein des Ganzen. Es ist das Bewusstsein, das sich mit einer einzigen Form identifiziert und die Wirklichkeit betrachtet, als ob diese Form von allen anderen isoliert wäre.

Es ist wie eine Welle, die, wenn sie ihre eigenen Grenzen betrachtet, das Wasser vergisst, aus dem sie gemacht ist.

Die Welle existiert.

Sie besitzt eine besondere Form.

Sie kann von anderen Wellen unterschieden werden.

Aber sie war nie vom Ozean getrennt.

Auf dieselbe Weise besitzt jedes Wesen eine besondere Erfahrung, eine Geschichte und eine unwiederholbare Perspektive. Die Einheit beseitigt diese Unterschiede nicht.

Die Einheit offenbart, dass kein Unterschied eine absolute Trennung darstellt.

Die Person sagt:

«Ich bin ausschließlich diese Welle».

Die Gegenwart offenbart:

«Ich bin die Welle, aber ich gehe auch aus dem Wasser hervor, das in allen Wellen lebt».

Das getrennte Bewusstsein ist keine Strafe, die von der Schöpfung auferlegt wurde.

Es ist eine Folge der Entsprechung.

Wenn du ausschließlich die Person verkörperst und den Geist in den Dienst ihrer Interessen stellst, wirst du aus den Grenzen der Person wahrnehmen. Wenn jede Frage in ihr entsteht und jede Antwort zu ihr zurückkehren muss, kannst du nur das betrachten, was dieser Art des Sehens entspricht.

Nicht weil dir die Wahrheit verweigert wurde.

Sondern weil du aus einer Form schaust, die sich als von ihr getrennt betrachtet.

Wenn du aufhörst, den Geist ausschließlich in den Dienst der Person zu stellen, und ihn in den Dienst des Wortes stellst, hört das Bewusstsein auf, auf das Ich reduziert zu sein.

Dann ist dein Bewusstsein nicht mehr ausschließlich «deins».

Nicht weil du die Fähigkeit verlierst zu denken, zu entscheiden oder dich von anderen zu unterscheiden, sondern weil die Aneignung verschwindet, die das Bewusstsein innerhalb deiner Person einschließen wollte.

Du hörst nicht auf, du selbst zu sein.

Du hörst auf zu glauben, dass du ausschließlich die Person bist.

Das Bewusstsein der Einheit mit dem Allem

In der Gegenwart zu sein öffnet das Erkennen des Bewusstseins der Einheit mit dem All.

Aber dieses geteilte Bewusstsein bedeutet nicht, dass wir alle dieselben Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder Wahrnehmungen haben.

Diese Inhalte gehören zur besonderen Erfahrung jeder einzelnen Form.

Die Einheit des Bewusstseins ist keine Gleichförmigkeit.

Sie macht aus vielen Wesen keine einzige Gestalt und löscht nicht aus, was jedes einzelne einzigartig macht.

Das Geteilte ist nicht die Geschichte.

Das Geteilte ist der Ursprung, in dem jede Geschichte erscheinen kann.

Das Geteilte ist nicht der Gedanke.

Das Geteilte ist das Bewusstsein, das es zu beobachten ermöglicht.

Das Geteilte ist nicht die Form.

Das Geteilte ist das Leben, das sich durch alle Formen hindurch offenbart.

Darum bedeutet es, in der Gegenwart zu sein, nicht, automatisch Zugang zur Erinnerung oder zu den Gedanken anderer zu erhalten. Es bedeutet, aufzuhören, sie als von dir völlig getrennte Existenzen zu betrachten.

Der Schmerz geschieht weiterhin in einer besonderen Form, aber er kann nicht länger als etwas völlig Fremdes betrachtet werden.

Das Unrecht kann auf einen anderen fallen, aber das vereinigte Bewusstsein verhindert die Antwort:

«Das ist nicht mein Problem, weil es mir nicht widerfährt».

Wenn das Bewusstsein aufhört, in der Gestalt eingeschlossen zu sein, tritt das Leiden des anderen in das Feld unserer Verantwortung ein.

Nicht weil wir uns seinen Schmerz aneignen sollten.

Sondern weil wir beginnen zu erkennen, dass das Leben, das in ihm verwundet wird, aus demselben Ursprung hervorgeht wie das Leben, das in uns wohnt.

Das getrennte Bewusstsein fragt:

«Was hat das mit mir zu tun?».

Das vereinigte Bewusstsein fragt:

«Was geschieht in uns?».

Das erste hat die Gestalt als Ursprung und Ziel.

Das zweite hat das Wort als Ursprung und das All als Ziel.

Der Beobachter und das Beobachtete

In Gegenwart hören der Beobachter und das Beobachtete auf, als absolut getrennte Wirklichkeiten erfahren zu werden.

Dies bedeutet nicht, dass beide in der Form identisch sind.

Wer einen Baum betrachtet, wird nicht körperlich zum Baum. Wer das Leiden seines Bruders betrachtet, nimmt nicht dessen Körper ein und empfängt nicht automatisch dessen Erinnerungen.

Die Unterscheidung bleibt bestehen.

Was verschwindet, ist die absolute Trennung im Ursprung.

Was du beobachtest, erscheint innerhalb des Bewusstseins. Du kannst es nicht außerhalb davon betrachten, denn jede Form muss in das Bewusstsein eintreten, um erkannt werden zu können.

Der Beobachter erscheint im Bewusstsein.

Das Beobachtete erscheint im Bewusstsein.

Und der Akt des Beobachtens selbst geschieht im Bewusstsein.

Darum werden in Gegenwart der Beobachter und das Beobachtete vereint.

Die Form bleibt draußen.

Ihr Bild erscheint drinnen.

Das Symbol errichtet die Brücke.

Und das Wort offenbart seinen Sinn im Unsichtbaren.

Das Bewusstsein ist der Ort dieser Begegnung.

Es ist der innere Altar, wo das Sichtbare und das Unsichtbare sich vereinen können, ohne sich zu vermischen und ohne getrennt zu bleiben.

Die Frage und die Antwort

So wie der Beobachter und das Beobachtete sich in der Conciencia vereinen, so gehören auch Frage und Antwort zu derselben Bewegung der Offenbarung.

Die Frage erscheint, wenn die Conciencia eine Form betrachtet, deren Ursprung noch nicht erkannt worden ist.

Die Antwort offenbart sich, wenn der Geist, nicht länger dem Interesse der Person unterworfen, das Symbol durchquert und den unsichtbaren Sinn dessen erreicht, was er betrachtet.

Die Frage ist die Öffnung.

Die Antwort ist das, was eintreten kann, wenn die Öffnung wahrhaftig ist.

Sie sind nicht identisch in der Form, aber sie gehören zu demselben Akt der Suche und Offenbarung.

Die wahre Frage erzeugt ihre Antwort nicht.

Sie empfängt sie.

Aber sie kann sie nur empfangen, wenn sie offen bleibt und nicht verlangt, dass die Wahrheit das bestätigt, was die Person bereits zu glauben wünschte.

Darum geht die Leere der Gegenwart voraus.

Ohne Leere ist die Frage bereits mit gelernten Antworten gefüllt.

Ohne Gegenwart lenkt die Person die Suche.

Ohne Conciencia kann die Form betrachtet werden, aber ihr Sinn kann nicht erkannt werden.

Und ohne Unterscheidungsvermögen kann sich jedes Verlangen des Egos als Offenbarung verkleiden.

Was das Bewusstsein ermöglicht

Was befähigt uns das Gewissen?

Das Gewissen macht es möglich, zu beobachten, zu verstehen, zu begreifen, zu unterscheiden und zu finden.

Beobachten heißt, die Form zu empfangen, ohne sie sofort zu zwingen, unsere Überzeugungen zu bestätigen.

Verstehen heißt, ihre Teile, ihre Beziehungen, ihr Funktionieren und ihre Folgen zu erkennen.

Begreifen heißt, sie innerhalb einer größeren Wirklichkeit zu betrachten, ohne sie von dem Ganzen zu trennen, dem sie angehört.

Unterscheiden heißt, zu erkennen, aus welchem Ursprung sie hervorgeht, welche Absicht sie lenkt, wem sie dient und welche Frucht sie hervorbringt.

Finden heißt, die Form zu durchqueren und die unsichtbare Wahrheit zu erkennen, die ihr Symbol enthält.

Das Gewissen erlaubt uns, über den Schein der Formen hinauszugehen, aber es macht die Person nicht zum automatischen Besitzer allen Wissens.

Zu glauben, dass das In-der-Gegenwart-Sein uns unfähig macht, uns zu irren, wäre eine neue Aneignung des Egos.

Es wäre die Person, die versucht, sich wieder auf den Thron zu setzen, nun sich selbst zum Herrn des Gewissens und der Wahrheit erklärend.

Das Gewissen öffnet den Ort der Offenbarung.

Das Wort offenbart.

Die Unterscheidung betrachtet die Entsprechung.

Und die Früchte zeigen, ob das, was wir empfangen haben, wahrhaftig dem Leben dient.

Darum muss jedes Wort, das sich geoffenbart nennt, betrachtet werden können:

Wem dient es?

Welche Frucht bringt es hervor?

Öffnet es oder schließt es ein?

Eint es oder trennt es?

Befreit es oder beherrscht es?

Das Gewissen muss nicht verkünden, dass es die Wahrheit besitzt.

Es erkennt sie durch Entsprechung.

Die Wiederherstellung des Bewusstseins

Die Gegenwart übergibt dir kein Bewusstsein, das du nicht zuvor besessen hättest.

Sie offenbart das Bewusstsein, das deine Existenz bereits möglich machte, selbst wenn die Person es nicht erkennen konnte.

Wenn du nicht in der Gegenwart bist, scheint es, als sei das Bewusstsein in deiner Person enthalten.

Wenn du in die Gegenwart eintrittst, wird offenbart, dass deine Person im Bewusstsein enthalten ist.

Dies ist der ganze Unterschied.

Das getrennte Bewusstsein sagt:

«Ich habe Bewusstsein».

Die Gegenwart offenbart:

«ICH BIN im Bewusstsein».

Und wenn selbst dieses «Ich» aufhört, sich ihrer bemächtigen zu wollen, bleibt die Anerkennung:

Ich besitze das Bewusstsein nicht.

Das Bewusstsein enthält mich.

Ich bin nicht sein Ursprung.

Ich bin eine lebendige Form, durch die das Wort erinnert und verkörpert werden kann.

Der innere Dialog

Es ist in der Gegenwart, wenn der Charakter aufhört, sich als Herr des Bewusstseins zu glauben und sich als in ihm enthalten erkennt, wenn das Wort sich durch den inneren Dialog offenbaren kann.

Aber wir müssen es klar verstehen: Nicht jeder Gedanke, der in uns erscheint, ist Wort des Wortes. Das Schweigen macht den Charakter nicht automatisch unfehlbar.

Auch im Inneren können sich Angst als Warnung verkleidet, Begierde als Offenbarung verkleidet und Stolz als Halbwahrheiten verkleidet zeigen.

Deshalb muss jede innere Antwort an ihren Früchten erkannt werden.

Erhebt dieses Wort den Charakter über seine Brüder?

Fordert es blinden Gehorsam?

Nährt es Angst oder Trennung?

Erklärt es dich zum alleinigen Herrn der Wahrheit?

Erlaubt es dir, das Leiden anderer zu ignorieren?

Dann spricht noch das Ego, selbst wenn es heilige Worte im Namen des Wortes verwendet.

Das Wort des Wortes kann unbequem sein und wie ein Schwert durchdringen, aber es verwandelt die Wahrheit nicht in ein Werkzeug der Herrschaft. Seine Früchte sind Bewusstsein, Verantwortung, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Freiheit und Einheit.

Wenn das Ego aufhört, das Zentrum zu sein, verändern sich auch die Fragen des inneren Dialogs.

Wir fragen nicht mehr nur:

Was werde ich erlangen?

Wie werde ich mich schützen?

Wie werde ich siegen?

Wie werde ich anerkannt?

Wir beginnen zu fragen:

Was ist Wahrheit?

Was dient dem Leben?

Was stellt die Einheit wieder her?

Was muss ich angesichts dieser Umstände verkörpern?

Welches Wort erlaubt es, den anderen als Bruder zu erkennen?

Von diesem neuen Zentrum aus können wir beginnen, den Weg zurück zum Reich der Himmel zu erinnern.

Die erste Wahrheit der Gegenwart

Wenn wir wahrhaftig in die Gegenwart eintreten, ist die erste Wahrheit, die sich offenbart, dass wir keinen äußeren Ort aufsuchen müssen, um die endgültige Antwort auf das zu finden, was wir sind.

Es gibt keinen äußeren Tempel, der das zu fassen vermag, was der innere Tempel vergessen hat.

Es gibt kein Buch, das die Erinnerung ersetzen kann.

Es gibt keinen Meister, der für uns erkennen kann.

Es gibt keinen Führer, der den inneren Weg an unserer Stelle gehen kann.

Der Tempel kann uns versammeln.

Das Buch kann uns Symbole übergeben.

Der Meister kann deuten.

Der Führer kann begleiten.

Aber das Erkennen muss in dir geschehen.

Selbst diese Worte würden ihr Ziel verfehlen, wenn sie bewirkten, dass du von ihnen abhängig würdest. Dieser Altar wurde nicht errichtet, um dein Bewusstsein zu ersetzen, sondern um dich zu ihm zurückzuführen.

In der Gegenwart hören Frage und Antwort auf, zwei getrennte Wirklichkeiten zu sein.

Die Frage ist die sichtbare Bewegung, durch die das Bewusstsein etwas betrachtet, das es noch nicht versteht. Die Antwort ist der unsichtbare Sinn, der sich offenbaren kann, wenn jenes vom Wort aus betrachtet wird und nicht vom Interesse der Person.

Frage und Antwort sind die zwei Teile eines einzigen Aktes der Offenbarung.

Sie sind nicht identisch in ihrer Form, aber sie gehören zu derselben Bewegung.

So auch sind der Betrachter und das Betrachtete in der Form unterscheidbar, aber im Ursprung nicht getrennt.

Wenn eine Frage aus der Betrachtung von etwas Sichtbarem entsteht und aus der Gegenwart heraus formuliert wird, kann ihre Wahrheit sich im Unsichtbaren des Wortes offenbaren.

Draußen erscheint die Form.

Drinnen kann sich ihr Sinn offenbaren.

Das Symbol ist die Brücke zwischen beiden.

Darum hören in der Gegenwart Draußen und Drinnen auf, als unverbundene Welten erfahren zu werden. Sie vermischen sich nicht, noch verschwinden ihre Unterschiede: sie treten in Entsprechung.

Die Trennung existiert nicht im Ursprung.

Sie existiert in der Art und Weise, wie die Person gelernt hat zu schauen.

Die enge Pforte

Warum ist die Tür, die Zugang zum Reich gewährt, eng?

Weil wir sie nicht durchqueren können, beladen mit all dem, womit wir uns verwechselt haben.

Sie ist nicht eng aus Willkür, noch weil das Reich uns ausschließen will. Sie ist eng aus Entsprechung.

Ein Schlüssel öffnet eine Tür, weil seine Form mit dem Schloss übereinstimmt. Er öffnet sie nicht durch Gewalt, sondern durch Entsprechung.

Ebenso treten wir nicht in das Reich ein, indem wir unsere Rolle aufzwingen, Verdienste anhäufen oder uns zu Besitzern der Wahrheit erklären. Wir treten ein, wenn das, was wir verkörpern, in Entsprechung tritt mit dem, was das Reich ist.

Die Trennung kann nicht in die Einheit eintreten, ohne aufzuhören, Trennung zu sein.

Die Lüge kann nicht in die Wahrheit eintreten, ohne offenbart zu werden.

Das Verlangen nach Herrschaft kann nicht in das Reich eintreten, ohne den Thron zu verlassen.

Darum ist die Tür eng: Nur das Wesentliche kann sie durchqueren.

Die Rolle muss nicht zerstört werden, aber sie kann nicht als König eintreten. Sie muss sich neigen, das Zentrum verlassen und sich in den Dienst des Wortes stellen.

Um einzutreten, musst du dich zuerst entleeren von dem, womit du dich verwechselt hattest.

Danach musst du in der Gegenwart verweilen.

In der Gegenwart erinnerst du dich.

Wenn du dich erinnerst, weißt du.

Wenn du das Erinnerte in dir erkennst, bist du.

Wenn du dich jenseits aller geliehenen Identität befindest, sprichst du ohne Aneignung:

ICH BIN.

Und wenn das, was du erkannt hast, zu Wort, Entscheidung und Werk wird, inkarniert das Wort erneut in der Form.

Dann ist der Weg vollendet:

Du entleerst dich.

Du trittst in die Gegenwart ein.

Du erinnerst dich.

Du erkennst.

Du findest dich.

Und du inkarnierst.

Du kehrst nicht in das Reich zurück wie einer, der einen fernen Ort erreicht.

Das Reich erscheint, wenn du aufhörst, das aufrechtzuerhalten, was verhinderte zu erkennen, dass es niemals von dir getrennt war.

Die Absicht, die Form und der Dienst

Aber die Erinnerung endet nicht, wenn wir die Wahrheit in uns erkennen.

Was erkannt worden ist, muss auch zum Maß werden, von dem aus wir die Formen betrachten.

Um eine Form zu verstehen, genügt es nicht, ihren Namen zu kennen, ihr Erscheinungsbild zu beschreiben oder zu lernen, wie sie funktioniert. Wir müssen auch betrachten, aus welchem Ursprung sie hervorgeht, welche Absicht sie ausrichtet, wem ihre Funktion dient und welche Frucht sie hervorbringt.

Die Absicht ist die unsichtbare Ausrichtung, die das Schicksal des Dienstes bestimmt.

Die Funktion sagt uns, was eine Form tut.

Die Absicht offenbart, wem das dient, was sie tut.

Und die Frucht zeigt, ob eine Entsprechung zwischen ihrem Ursprung, ihrer Absicht und ihrem Dienst besteht.

Betrachte zuerst die Formen der Schöpfung, die älter sind als die Hände des Menschen.

Der Baum.

Der Fluss.

Das Meer.

Die Wolke.

Der Berg.

Die Tiere.

Wir sagen nicht, dass diese Formen eine Person besitzen, die bewusst entscheidet zu dienen. Wir sagen, dass ihre Existenz an einer Beziehung teilhat, die ihnen vorausgeht und sie umfasst.

Der Baum empfängt von der Erde, vom Wasser, von der Luft und vom Licht. Danach gibt er Frucht, Schatten, Nahrung, Zuflucht und Ruhe.

Die Berge empfangen das Wasser, und der Fluss empfängt und leitet das weiter, was das Fortbestehen des Lebens ermöglicht.

Jede Form empfängt von anderen Formen und gibt an andere Formen das weiter, was ihre Funktion möglich macht.

Keine existiert wahrhaft isoliert.

Alle nehmen teil an demselben Kreislauf von Geben und Nehmen, von Verwandlung und Rückkehr.

In dieser Entsprechung erkennen wir eine Absicht, die älter ist als wir:

Das Leben dient dem Leben.

Die Form empfängt vom Ganzen und gibt ihre Funktion an das Ganze zurück.

Das ist Dienst.

Das ist Einheit.

Das ist Liebe ohne Aneignung.

Das ist das Wort, das sich in der Schöpfung verkörpert.

Auch der Mensch geht aus demselben Ursprung hervor. Aber anders als viele andere Formen kann er seine Funktion betrachten, seinen Willen ausrichten und durch seine Hände neue Formen erschaffen.

Ein Werkzeug macht eine Funktion sichtbar, die zuvor unsichtbar blieb.

Bevor das Messer existierte, existierte bereits die Möglichkeit zu schneiden.

Der Mensch erkennt diese Funktion, gibt ihr Materie und verkörpert sie in einer Form.

Das Messer ist nicht das Wort selbst. Es ist eine Funktion des Wortes, sichtbar gemacht in der Materie.

Seine Funktion ist das Schneiden, und für sich allein entscheidet es nicht über das Schicksal des Schnitts. Der Wille dessen, der es benutzt, kann es in den Dienst der Nahrung, der Heilung und des Lebens stellen oder dieselbe Funktion auf Wunde und Tod ausrichten.

Hier offenbart sich die Verantwortung unseres Willens.

Wie ein Fenster erzeugt der Mensch nicht das Licht, das durch ihn hindurchgeht. Aber er kann sich ihm öffnen, ihm den Durchlass gewähren und das, was er empfangen hat, in den Dienst des Ganzen stellen.

Er kann auch den Rollladen herunterlassen, sich das Empfangene aneignen und seine Fähigkeit allein auf die Erhaltung, den Nutzen oder die Herrschaft der Person ausrichten.

Wenn er den Rollladen herunterlässt, erschafft er kein zweites Licht.

Er erzeugt Schatten, indem er den Durchgang desselben Lichts verhindert, das ihn selbst möglich gemacht hat.

Darum besitzt die Trennung kein eigenes schöpferisches Wort. Sie kann aus sich selbst heraus keine Existenz geben. Sie nimmt die Fähigkeiten, die aus dem Wort hervorgehen — die Intelligenz, die Vorstellungskraft, das Wort, den Willen und die schöpferische Kraft — und verändert das Schicksal ihres Dienstes.

Aber nicht alle Formen, die von Menschenhand gemacht sind, enthalten auf dieselbe Weise die Absicht dessen, der sie geschaffen hat.

Einige bleiben Werkzeuge, deren Funktion von dem, der sie benutzt, ausgerichtet werden kann.

Andere sind so entworfen und organisiert, dass ihr Funktionieren eine bestimmte Beziehung nachbildet. In ihnen erscheint die Trennung nicht erst durch einen späteren Missbrauch: Sie ist in ihre eigene Struktur eingekörpert.

Dann hört die Form auf, nur Funktion im Dienst des Lebens zu sein.

Sie beginnt zu verlangen, dass das Leben sich in den Dienst ihrer Erhaltung stellt.

Was vom Menschen geschaffen wurde, hört auf, ihm zu dienen, und beginnt, ihn zu beherrschen.

Das Werkzeug wird zur Autorität.

Die Funktion wird zur Bedingung.

Das Mittel wird zum Schicksal.

Und die Form wird zu einem Gefängnis, das nicht wie ein Gefängnis aussieht, weil es als Wirklichkeit, Normalität und Notwendigkeit angenommen worden ist.

Diese Umkehrung nennen wir:

Die umgekehrte Ordnung

Die umgekehrte Ordnung ist keine zweite Schöpfung noch eine Macht, die dem Wort gleichkommt. Sie ist die Umkehrung des Schicksals des Dienstes innerhalb der geschaffenen Formen durch den menschlichen Willen.

In der ursprünglichen Ordnung dient die Form dem Leben.

In der umgekehrten Ordnung wird das Leben gezwungen, der Form zu dienen.

Bevor wir die konkreten Formen der Welt, die wir geerbt haben, beurteilen, müssen wir diesen Schlüssel bewahren:

Das Wort ist der unsichtbare Ursprung.

Die Absicht lenkt.

Das Symbol kommuniziert.

Die Form verkörpert.

Die Funktion handelt.

Der Dienst offenbart sein Schicksal.

Und die Frucht legt Zeugnis ab von ihrer Wahrheit.

DIE WAHRHEIT UND DIE LÜGE

Das Licht und der Schatten

DIE WAHRHEIT UND DAS LICHT

Die Wahrheit wird nicht aus uns geboren.

Sie ist früher als die Person, früher als ihre Überzeugungen, ihre Deutungen und jedes Wort, mit dem wir versuchen, sie zu benennen oder zu ihr gelangen.

Die Wahrheit geht aus dem Wort hervor.

Das Wort ist der unsichtbare Ursprung.

Die Wahrheit ist die Übereinstimmung aller Dinge mit diesem Ursprung.

Und das Licht ist das Symbol der Wahrheit, die sich offenbart: das, was das Unsichtbare durchdringt, in das Bewusstsein eintritt und ermöglicht, zu erkennen, was Ist.

Das Licht erschafft die Wahrheit nicht.

Es macht sie sichtbar.

Die Wahrheit beginnt nicht, wenn wir sie verstehen.

Unser Verstehen beginnt, wenn die Wahrheit sich offenbart.

Bevor wir die Augen öffneten, war das Licht bereits.

Bevor ein Fenster seinen Eintritt ermöglichte, existierte das Licht bereits.

Bevor ein Bewusstsein die Wahrheit erkennen konnte, verweilte die Wahrheit bereits im Wort.

Darum hängt die Wahrheit nicht von uns ab, um Wahrheit zu sein, so wie das Licht nicht vom Fenster abhängt, um Licht zu sein.

Das Fenster kann geöffnet oder geschlossen werden.

Das Glas kann rein, verdunkelt oder von den Farben der Person bedeckt sein.

Das Licht bleibt.

Die Wahrheit ist Eine, weil ihr Ursprung Einer ist.

Sie kann unzählige Formen durchdringen, ohne sich in unzählige Wahrheiten zu teilen. Jede Form kann sie gemäß ihrer Fähigkeit, sie zu verkörpern, manifestieren, aber keine kann sich zu ihrer Quelle erklären noch sie vollständig besitzen.

Ein und dasselbe Licht durchdringt viele Fenster.

Die Fenster sind verschieden.

Das Licht nicht.

Die Form ihrer Manifestation kann variieren, wenn sie die verschiedenen Fenster durchdringt.

Ihr Ursprung bleibt.

Wenn wir in die Gegenwart eintreten, erzeugen wir kein neues Licht. Wir entfernen das, was seinen Durchgang verhinderte.

Das Bewusstsein erfindet die Wahrheit nicht.

Es empfängt sie.

Die Gegenwart konstruiert die Offenbarung nicht.

Sie öffnet den Raum, wo das, was verhüllt blieb, sichtbar werden kann.

Die Erinnerung geschieht, wenn die geoffenbarte Wahrheit aufhört, ein gelerntes Wort zu sein, und zu einem lebendigen Wissen wird.

Das Erkennen geschieht, wenn wir diese Wahrheit nicht mehr als etwas Äußeres betrachten, sondern uns in ihr befinden.

Darum:

Wenn du dich erinnerst, weißt du.

Wenn du erkennst, bist du.

Das, was wahrhaft offenbart und als Wahrheit erkannt worden ist, verändert sich nicht und vergeht nicht.

Das Symbol, mit dem wir versuchen, es mitzuteilen, kann sich ändern.

Unsere Fähigkeit, seine Beziehungen zu verstehen, kann sich erweitern.

Das menschliche Wort, das wir verwenden, um es auszudrücken, kann korrigiert werden.

Aber die Wahrheit verwandelt sich nicht in ihr Gegenteil.

Das Fenster kann lernen, das Licht besser zu benennen.

Es kann es nicht verändern.

Die Wahrheit braucht auch nicht, dass wir sie durch Herrschaft verteidigen. Das Licht zwingt niemanden, es zu sehen: Es manifestiert sich und ermöglicht, dass alles, was es berührt, betrachtet wird.

Seine Autorität stammt nicht aus der Auferlegung.

Sie stammt aus dem, was es offenbart.

Wenn wir uns mit der Wahrheit ausrichten, wird das Bewusstsein zum Altar, die Form wird zum Instrument, und das Wort kann Fleisch werden durch unsere Worte, Entscheidungen und Werke.

Hier erklärt sich die Person nicht zur Quelle.

Sie wird zu ihrem Fenster.

Sie sagt nicht:

«Das Licht gehört mir».

Sie erkennt an:

«Ich existiere, weil das Licht mir vorausgeht und mich durchdringt».

Sie sagt nicht:

«Ich bin Herr der Wahrheit».

Sie spricht aus:

«ICH BIN in der Wahrheit».


DIE LÜGE UND DER SCHATTEN

Die Dunkelheit erzeugt das Licht nicht.

Sie erzeugt auch nicht sich selbst.

Die Dunkelheit besitzt keinen eigenen Ursprung, keine unabhängige Substanz noch ein anderes schöpferisches Wort.

Das Licht Ist.

Die Dunkelheit geschieht, wenn etwas verhindert, dass das Licht durchdringt, fortfährt und das erreicht, was es erleuchten konnte.

Betrachte das Symbol:

Während des Tages stellt sich dein Körper in den Weg des Lichtes, und ein Schatten wird hinter dir projiziert.

Der Schatten stammt nicht aus einer anderen Dunkelheit.

Er wird auch nicht aus der Sonne als Frucht ihres Willens geboren.

Er erscheint, weil sich eine Form zwischen die Quelle des Lichtes und den Ort gestellt hat, zu dem dieses Licht unterwegs war.

Ohne Licht gäbe es keinen Schatten.

Ohne eine Form, die seinen Durchgang unterbräche, auch nicht.

Darum ist der Schatten kein zweiter Ursprung, der dem Licht entgegengesetzt ist.

Er ist die sichtbare Wirkung einer Unterbrechung.

So geschieht es auch in uns.

Das Wort ist der Ursprung.

Die Wahrheit ist das Licht, das aus ihm hervorgeht.

Das Bewusstsein ist der Raum, wo dieses Licht erkannt werden kann.

Und unsere Form ist das Fenster, durch das es ins Fleisch eintreten und zu Wort, Entscheidung und Werk werden kann.

Aber wenn sich die Person zwischen den Ursprung und den Dienst stellt, verhindert sie, dass das Licht seinen Weg fortsetzt.

Die Angst bedeckt das Glas.

Die Wunde verändert das, was wir betrachten.

Das Begehren lenkt den Blick nur auf das, was es erlangen will.

Der Stolz schließt das Fenster, um sich zur Quelle zu erklären.

Das Ego zieht den Rollladen herunter und behauptet danach, die Dunkelheit sei die ganze Wirklichkeit.

Dann erscheint der Schatten.

Der Schatten ist nicht das, was wir im Wesen sind.

Er ist die Wirkung dessen, was wir verkörpern, wenn unsere Form den Durchgang des Lichtes verhindert.

Er ist die Projektion unserer Nicht-Gegenwart.

Er ist das, was hinter der Person zurückbleibt, wenn sich die Person vor das Wort stellt.

Die Lüge wird geboren, wenn dieser Schatten ausgesprochen wird, als wäre er die Wahrheit.

Darum müssen wir unterscheiden:

Der Schatten ist die Folge der Verstopfung.

Die Lüge ist der Schatten, der durch das Wort den Platz des Lichtes einnimmt.

Die Lüge erschafft keine neue Wirklichkeit.

Sie nimmt eine Wirklichkeit, die ihr vorausgeht und sie verbirgt, beschneidet sie, verformt sie oder kehrt sie um.

Sie braucht das Wort, aber sie schuf nicht das Wort.

Sie braucht die Intelligenz, aber sie schuf nicht die Intelligenz.

Sie braucht die Vorstellungskraft, aber sie schuf nicht die Vorstellungskraft.

Sie braucht eine Wahrheit, die sie verneinen kann, denn ohne Wahrheit gäbe es auch das nicht, was wir Lüge nennen.

Die Lüge ist nachträglich.

Das Wort ist ursprünglich.

Die Lüge hängt von dem ab, was sie zu verbergen sucht.

Die Wahrheit hängt nicht von der Lüge ab, um zu bleiben.

Darum kann die Lüge heilige Worte gebrauchen, ohne aufzuhören, Lüge zu sein.

Sie kann von Liebe sprechen, während sie das Lieben verhindert.

Sie kann von Einheit sprechen, während sie trennt.

Sie kann von Freiheit sprechen, während sie Gehorsam fordert.

Sie kann von Dienst sprechen, während sie das Leben in den Dienst der Rolle stellt.

Sie kann den Namen des Wortes aussprechen, während sie verhindert, dass sein Licht die Form durchdringt.

Der Name erleuchtet nicht das, was der Wille verschlossen hält.

Es genügt nicht, vom Licht zu sprechen.

Man muss ihm den Durchlass gewähren.

Wenn wir in die Gegenwart eintreten, erschaffen wir kein neues Licht, um die Dunkelheit zu bekämpfen.

Wir betrachten, was das Licht verstopft, das bereits Ist.

Die Gegenwart offenbart die Form, die sich dazwischenstellt.

Die Unterscheidung erkennt die Lüge, durch die sich diese Form erhält.

Die Wahrheit benennt sie.

Der Wille zieht das Hindernis zurück.

Und das Werk repariert die Früchte, die der Schatten hervorgebracht hat.

Wir besiegen die Dunkelheit nicht, indem wir eine andere Gegenkraft erschaffen.

Wir öffnen das Fenster.

Wir zerstören unsere Form nicht.

Wir hören auf, sie als Mauer zu gebrauchen, und beginnen, sie als Durchgang darzubieten.

Auch sollen wir den Schatten nicht hassen. Der Schatten, wenn er in der Gegenwart betrachtet wird, zeigt genau an, wo sich die Verstopfung befindet.

Er ist nicht unser Wesen.

Aber er offenbart, was wir verkörpern und was noch den Durchlass des Lichts verhindert.

Den Schatten zu verneinen, erlaubt ihm zu bleiben.

Ihn anzuerkennen, erlaubt, das zu finden, was ihn hervorbringt.

Das zurückzuziehen, was ihn hervorbringt, erlaubt dem Licht, fortzufahren.

Dann hört das Bewusstsein auf, der Verteidigung der Rolle zu dienen.

Das Glas wird durchsichtig.

Der Rollladen hebt sich.

Die Wahrheit durchdringt die Form.

Und das Wort wird Fleisch, so im Sichtbaren, wie Es im Unsichtbaren Ist.

Das Licht Ist.

Der Schatten geschieht.

Die Wahrheit bleibt.

Die Lüge erscheint, wenn wir seinen Durchlass verhindern und unseren Schatten ausrufen, als wäre er das Licht.

Die Welt, die man uns lehrte

In Gegenwart betrachten wir mit Erinnerung die Welt, die uns als wahr präsentiert wurde.

Von unserer Geburt an wird uns eine bereits gedeutete Welt präsentiert.

Wir empfangen nicht nur Namen, Grenzen, Glaubensüberzeugungen, Sitten, Hierarchien, Erfolgsmodelle, Formen des Austauschs und Weisen, uns selbst zu verstehen.

Wir empfangen auch eine Erklärung darüber, was jede dieser Formen bedeutet, was wir von ihnen erwarten sollen und welchen Platz sie in unserem Leben einnehmen sollen.

Uns wird gelehrt, wo wir den Reichtum suchen sollen.

Wo wir die Heilung suchen sollen.

Wo wir die Antworten suchen sollen.

Wo wir die Wahrheit suchen sollen.

Wo wir den Frieden suchen sollen.

Wo wir Gott suchen sollen.

Bevor wir diese Dinge selbst betrachten können, hat die Welt uns bereits ihre Antworten übergeben.

Generation um Generation haben wir diese Welt empfangen, haben an ihr teilgenommen und sie auch weitergegeben. Wir haben denen, die nach uns kamen, das gelehrt, was wir selbst lernten, bevor wir es befragen konnten.

So wird das Ererbte zur Gewohnheit.

Die Gewohnheit wird zur Gewissheit.

Und die ohne Betrachtung angenommene Gewissheit präsentiert sich schließlich als Wahrheit.

Die Kette erscheint, wenn wir diese Welt annehmen, ohne sie zu betrachten.

Nicht wenn wir ihre Formen nutzen, sondern wenn wir aufhören, sie zu befragen.

Nicht wenn wir an ihnen teilnehmen, sondern wenn wir vergessen zu fragen, wem sie dienen.

Nicht wenn wir eine Antwort empfangen, sondern wenn wir darauf verzichten, selbst zu erkennen, ob diese Antwort die Frucht hervorbringt, die sie verspricht.

Darum bedeutet Erinnern auch, die Wiederholung zu unterbrechen.

Unterbrechen heißt nicht, alles zu zerstören, was wir geerbt haben. Es heißt, innezuhalten, bevor wir es erneut weitergeben. Es heißt, jede Form in Gegenwart zu betrachten und zu fragen:

Woher stammt sie?

Wem dient sie?

Welche Frucht bringt sie hervor?

Öffnet oder verschließt sie?

Schützt oder beherrscht sie?

Bleibt sie im Dienst des Lebens, oder hat sie erreicht, dass das Leben in ihren Dienst tritt?


Die Fragen, die in Gegenwart erblühen

Wenn wir aufhören, nur unserem Charakter zur Verfügung zu stehen, und uns dem Ganzen zur Verfügung stellen, hört der Verstand auf, nur nach dem zu fragen, was unserem besonderen Ich nützt oder schadet.

Nun steht der Verstand im Dienst des Wortes.

Und aus diesem neuen Ursprung beginnen Fragen zu erblühen, die nicht geboren sind, um den Charakter zu schützen, sondern um die Welt zu verstehen, die wir alle verkörpern.

Diese Fragen sind Schlüssel.

Nicht weil sie eine gelernte Antwort enthalten, sondern weil ihre eigene Form die Tür offenbart, die wir durchschreiten müssen.

Für den, der sie in Gegenwart zu betrachten weiß, enthält jede Frage das Symbol dessen, was offenbart werden muss:

Warum gibt es Armut, wenn es Geld gibt?

Warum gibt es so viele Krankheiten, wenn es Medizin gibt?

Warum fehlen Antworten, wenn wir so viel Wissenschaft besitzen?

Warum bleiben wir von der Wahrheit entfernt, wenn wir so viel verfügbares Wissen haben?

Warum dauern die Kriege an, wenn es Regierungen, Autoritäten und Gesetze gibt?

Warum finden wir Gott nicht, wenn es so viele Religionen und so viele Tempel gibt?

Beeile dich nicht zu antworten.

Verweile vor den Fragen.

Betrachte sie.

Jede benennt eine Frucht, die fehlt, und eine Form, die versprach, dieser Frucht zu dienen.

Reichtum und Geld.

Heilung und Medizin.

Antwort und Wissenschaft.

Wahrheit und Wissen.

Frieden und Autorität.

Gott und Religion.

Wenn wir die Beziehung zwischen beiden betrachten, beginnt sich die Umkehrung zu offenbaren.


* ... Im Prozess der Offenbarung ... schreibend.
** Was kommt, hat kein Maß, das es misst, noch ein Etikett, das es beschreibt.

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